pathologie: schienbeinkantensyndrom

yogabuch / pathologie / schienbeinkantensyndrom

Schienbeinkantensyndrom (mediales Tibiakantensyndrom, Medial Tibial Stress Syndrome (MTSS), shin splints, Tibiakantensyndrom)

Definition

Schmerzphänomen an der Tibiainnenkante, vermutlich meist Tendinitis und/oder Periostitis (Knochenhautreizung) an der medialen Tibia, betrifft meist den Bereich Soleus oder Tibialis posterior, auch Flexor digitorum longum und Flexor hallucis longus. Ggf. auch mildes Kompartment-Syndrom: Beginnt man neu mit einem Training, wachsen die Muskeln schneller, als sich die Faszien anpassen (im Training bis zu 15-fachem Volumen gegenüber Ruhe), was zur übermäßigen Druckerhöhung und Kompression bis zur Ischämie führt. Die kompressionsbedingte Blutstauung führt zu Gewebeödem und weiter erhöhtem Druck. Bis zu 20% aller Trainingsausfälle von Läufern gehen auf das Schienbeinkantensyndrom zurück. Betrifft meist Läufer, Tänzer, Soldaten. Neben dem klassischen medialen Schienbeinekantensyndrom gibt es auch eine laterale Form, die zumeist die laterale Loge des den tibialis anterior betrifft, was vermutlich ein mildes Kompartment-Syndrom ist. Die beschriebene akute Form kann unbehandelt und bei inadäquatem Umgang damit chronifizieren.

ICD M76

Ursache

  1. Überbelastung relativ zum Trainingszustand, intensives Training nach Trainingspause
  2. Änderung des Schuhwerks oder anderer Parameter
  3. zu hartes Aufsetzen der Ferse
  4. zu hartes Schuhwerk (zu geringe Dämpfung)

Prädisponierend

– Verhalten

  1. Verwendung von Laufspikes
  2. hartes Schuhwerk
  3. abgetragene Laufschuhe
  4. Langlauf in untrainiertem Zustand, mit mangelhaftem Schuhwerk oder mangelhaftem Laufstil
  5. Langlauf auf harten Böden bzw. mit harten Schuhen oder auf unebenen Böden
  6. Umstellung des Trainings, des Untergrunds, anderer Trainer,..
  7. Lauftraining mit Sprungkomponenten

Bewegungsapparat

  1. Hyperpronation, Fehlstellungen des Fußes, insbes. solche mit Pronation
  2. schwache, untrainierte Wadenmuskulatur
  3. Exorotation der Oberschenkel beim Laufen (führt zu Hyperpronation und Überbelastung der medialen Strukturen)

Diagnose

  1. MRT weist insbes. Knochenhautentzündung gut nach
  2. Druckmessung im Muskelkompartment
  3. Sono zum Nachweis von Ödemen und Muskelschwellungen
  4. Tests und Zeichen:Hop-Test, mind. 5 cm lange Druckschmerzhaftigkeit

Symptome

  1. Belastungsschmerzhaftigkeit, der Schmerz ist ausgeprägt und tendenziell krampartig, er tritt meist sofort oder kurz nach Beginn (auf den ersten 500 m) des Trainings auf und kann, muss aber nicht verschwinden. Auch nach Trainingsende ist Gehen schmerzhaft. Mit wiederholter Belastung abnehmende Belastungstoleranz
  2. Druckschmerzhaftigkeit
  3. Erstauftreten häufig erst am Tag nach Sport, dann sofort wieder bei Belastung
  4. Druckschmerzhaftigkeit der tiefen Wadenmuskulatur

Komplikationen

  1. Plattfuß: da der tibialis posterior für die Spannung des Fußlängsgewölbe sehr wichtig ist, muss das Schienbeinkantensyndrom ernst genommen und (mit Schonung) ausgeheilt werden, sonst kann sich ein Plattfuß entwickeln
  2. Ermüdungsbrüche
  3. beim Kompartment-Syndrom: Nekrosen mit Fieber und Abgeschlagenheit, selten auch Sepsis

Therapie

  1. Die Therapie erfolgt in der Regel konservativ, Rezidive sind jedoch nicht augeschlossen
  2. in leichten Fällen: Training reduzieren, bergab Laufen meiden, Schuhe mit hinreichender Dämpfung tragen
  3. bei stärkeren Schmerzen: Schonung vor den stoßartigen Anforderungen, Umstieg auf Rad, Ergometer,..
  4. Im Anfangsstadium: Kryotherapie (Eisbeutel) und Quarkumschläge
  5. Physiotherapie, aber keine manuelle Therapie der gereizten Triggerpunkte
  6. Taping
  7. ggf. Einlagen
  8. wenn nötig: Analgetika, Antiphlogistika (Ibuprofen, Diclofenac))
  9. präventiv: Dehnen vor und nach dem Laufen; bei vorhandenen Beschwerden auch täglich mehrmals
  10. Balancebord / MFT-Disk
  11. vorsichtig (!): Barfußgehen und –Laufen, Strandläufe
  12. nach Abklingen der Symptome: Wärmeanwendung vor dem Training
  13. sportmedizinische / lauftechnische Beratung, Laufanalyse
  14. ggf. cortisonhaltige Lokalinjektionen
  15. selten: bei Versagen konservativer Therapie offene oder endoskopische OP mit 4-wöchiger Sportpause
  16. wirkstoffhaltige (z.B. Kortison) Salben oder Salbenverbände reichen nicht direkt an die tief liegende Loge, sie wirken über Lymphe/Blut. Wärmende Salben können aber helfen.

DD

  1. Kompartment-Syndrom
  2. venöse Abflußstörung
  3. Ermüdungsbrüche
  4. paVK

Asana-Praxis

Neben der Analyse der Lauftechnik und der Untersuchung des Fußes auf Knickfuß, Senkfuß, Plattfuß, Rückfußvalgität und ggf. deren Versorgung gilt es auf jeden Fall, den Tibialis posterior zu dehnen und zu kräftigen. Da er im Fußgelenksupiniert, plantarflektiert und adduziert, geschieht seine Dehnung am besten mit Haltungen, die eine weite Dorsalflexion des Fußgelenks üben. Wegen der Bewegungseinschränkung, die der biartikuläre Gastrocnemius schon lange vor dem Soleus oder anderen Plantarflexoren setzt, können Dehnungen durch Plantarflexion nur erfolgreich sein, wenn das Kniegelenk hinreichend gebeugt wird. Da er auch supiniert, wäre eine gleichzeitig pronierte, zumindest aber nicht supinierte Haltung des Fußes wünschenswert.

Diesem Ideal kommt die malasana mit Abstand am nächsten. Nachrangig stellen Haltungen wie utkatasana oder Varianten der Hundestellung Kopf nach unten mit einem oder zwei gebeugten Kniegelenk eine Möglichkeit unter Verzicht auf die Pronation dar. Die Hundestellung Kopf nach oben wäre grundsätzlich mit Pronation ausführbar, jedoch ist die in Richtung Dorsalflexion des Fußgelenks erreichbare Kraft nicht nur durch die Kraft der Frontalabduktoren des Schultergelenks und der Palmarflexoren des Handgelenks begrenzt, sondern auch durch die Reibung des Fußes auf dem Untergrund.

Die zweite Maßnahme muß eine nachhaltige Kräftigung des Tibialis posterior sein. Dieser ist zwar auch Plantarflexor, aber als solcher stehen ihm mit Soleus und Gastrocnemius zwei übermächtige Synergisten zur Seite, so daß diese Bewegung ihn nicht hinreichend kräftigen wird. Besser sieht es im Falle der Supination aus. Zwar ist dort der Trizeps surae synergistisch, jedoch ist der Soleus seiner Beschaffenheit nach eher haltender und stabilisierender und weniger schnell bewegender Muskel. Hier konkurriert er also nur noch mit dem Gastrocnemius, und dessen Bewegung ist weit mehr plantarflektierend als supinierend, so daß hier viel für den Tibialis posterior erreicht werden kann. Einerseits kann das reine wiederholte Supinieren der beiden Füße in hinreichend stabilen symmetrischen Haltungen geübt werden, andererseits bieten vor allem die Haltungen mit Balancecharakter eine hervorragende Möglichkeit durch ihre ständige Notwendigkeit, die kleinen Schaukeleien des Fußes um seine Längsachse auszugleichen, wobei für eine der beiden Richtungen, die Supination, eben der Tibialis posterior hauptverantwortlich ist. Dieser bildet mit den beiden Muskeln Fubularis brevis und Fibularis longus zusammen ein Zügelsystem um die jeweiligen Malleolen, was hiermit hervorragend trainiert wird. Auch propriozeptiv ist dieses sehr wertvoll. Gleichzeitig wird damit Störungen wie dem Tibialis Posterior Syndrom (PTTD), Plattfuss, Knickfuß vorgebeugt bzw. gegen ihre Progredienz gearbeitet.